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Themenreisen

Faszination Friedhofs-Tourismus


© stock.xchng

Bisher haftete dem freiwilligen Besuch eines Friedhofs, also ohne dort eine Beerdigung zu besuchen, in meinen Augen ein eher morbider Beigeschmack an. Wieso sollte man dort grundlos hingehen? Mir ist natürlich bewusst, dass Friedhöfe schon immer eine besondere Faszination auf die Menschen ausgeübt haben. So erfährt man zum Beispiel nach etwas Internet-Recherche, dass im Christentum Reisen zu den Grabstätten von Verstorbenen bereits im frühen Mittelalter gang und gäbe waren.

Auch heute werden derartige Pilger- und Wallfahrten noch regelmäßig veranstaltet. Es scheint auf den ersten Blick etwas sonderbar, dass dieser Brauch mittlerweile Tourismuscharakter angenommen hat. So fand ich bei meinen Recherchen heraus, dass Friedhofs-Tourismus, also der Besuch eines Friedhofs als touristisches Ziel, wesentlich verbreiteter ist,  als ich vorher angenommen hatte. Und bei den Besuchern handelt es sich keineswegs nur um Goths, Emo-Kids und (ganz aktuell) Vampir-Fans.

Die Aussage eines Bekannten, er habe am Wochenende einen Friedhof besichtigt, verursachte bei mir dann aber doch etwas Stirnrunzeln. Mit Friedhöfen assoziiere ich Trauer, Verlust, verstorbene Verwandte. Oder Gruselfilme - Vampire, Geister, Zombies, Nebelschwaden. Ich fragte mich, wieso jemand sein Wochenende damit verbringt, sich Gräber anzusehen. Ist das eine passende Freizeitgestaltung, wenn man dort keinen Verstorbenen besucht?

Friedhofs-Tourismus ist Kultur-Tourismus

Dabei ist der Gedanke gar nicht so abwegig. Nach ein wenig Recherche fand ich heraus, Kulturbegeisterte frönen regelmäßig dieser Art des Tourismus. Nicht selten sind Friedhöfe nämlich hervorragende Zeitdokumente und spiegeln in ihrem Aufbau, ihrer Architektur und ihren Grabmälern die epochentypischen Merkmale vergangener Zeiten wieder. Und der Besuch des Grabes einer berühmten Persönlichkeit wie Ludwig van Beethoven oder Francois Truffaut ist definitiv beeindruckend – auch für mich. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung spricht sich auf ihrer Webseite beispielsweise ausdrücklich dafür aus, in Friedhöfen mehr zu sehen, als nur die letzte Ruhestätte: „Friedhöfe dienen der Bestattung der Verstorbenen und der Trauerbewältigung der Lebenden. Darüber hinaus werden sie als Orte der Ruhe, Erholung und Begegnung genutzt. Sie sind kulturelles Gedächtnis der Stadt und haben gleichzeitig besondere Bedeutung für die Artenvielfalt und das Stadtklima.“

Dabei drängten sich mir einige Fragen auf. Wenn Friedhöfe Kulturgüter sind, wie der Eiffelturm in Paris oder Big Ben in London - wieso flüstert man dann auf ihnen? Warum wird dort nicht lauthals der Baustil eines Mausoleums diskutiert? Und wieso packt niemand, im Gegensatz zur spanischen Treppe in Rom, auf einer Friedhofstreppe sein Brötchen aus? Kulturgut und typische Epochenmerkmale hin oder her: Selbstverständlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass Friedhöfen etwas Düsteres, Ehrfurchtgebietendes anhaftet. Der Kulturgenuss geht also stets einher mit dem Respekt für die Toten, auf deren Ruhestätte man sich befindet. Vielleicht ist es auch genau das, was den Besuch eines Friedhofs, egal wo auf der Welt, jedes Mal zu einem beeindruckenden Erlebnis macht.

Ein Spaziergang auf dem Cimetière Père Lachaise

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Ich wollte mir selbst ein Bild machen. Also zog es mich nach Paris. Der wohl berühmteste Friedhof der Welt, der Cimetière Père Lachaise würde mir sicher  meine Fragen beantworten…

Die größte Ruhestätte Paris’ ist nach Pater François d’Aix de Lachaise benannt, auf dessen Gartenanlagen - ein Geschenk Ludwig des XIV - der Friedhof im Jahre 1804 errichtet wurde. Gerade für  Pariser Verhältnisse ist Père Lachaise sehr ruhig – fast schon unheimlich ruhig… Die langen, breiten Straßen mit ihren unzähligen kleinen Abzweigungen führen mich bei meinem Besuch wie Achsen zwischen den Gräbern hindurch. Eine klare Struktur erschließt sich mir nicht. Père Lachaise wirkt trotz etlicher Touristen verlassen, regelrecht verwunschen. Die Gräber sind oftmals prächtige kleine Mausoleen aus Stein und Granit. Die Bäume und teilweise sehr hohen, beeindruckenden Grabmahle spielen mit Licht und Schatten und verleihen dem Ort seine unheimliche Schönheit. Doch nicht nur seine einmalige Atmosphäre macht den Friedhof zu einer der Touristenattraktionen von Paris. Zahlreiche Berühmtheiten fanden hier ihre letzte Ruhe. Einigen von ihnen werde ich nun einen Besuch abstatten.

„This ist the end…“

Als Doors Fan führt für mich natürlich kein Weg an Jim Morissons Grab vorbei. Nachdem ich den Haupteingang passiert habe, dauert es nur wenige Minuten, bis ich mit einer Gruppe von Jugendlichen, die ganz offensichtlich dasselbe Ziel ansteuern wie ich, das Grab des Doors-Sängers erreiche. Ein langhaariger Typ, der wie ein Ex-Hippy aussieht, hat sich bereits mit weiteren Touristen an dem Grab niedergelassen. Unzählige Blumen, Kerzen, Fotos, sogar Schmuck und andere Präsente, zieren die Ruhestätte. Die Szenerie erinnert an die Totenkulte vergangener Zeiten. „This ist he end, my only friend, the end…“ schießt es mir durch den Kopf, und obwohl das Grab wirklich sehr heruntergekommen ist (die Unmengen von Besuchern täglich sind an Jims Gedenkstätte wahrlich nicht spurlos vorübergegangen), fühle ich so etwas wie Ehrfurcht. Dieses Gefühl soll mich nun auf meinem weiteren Weg über den Père Lachaise nicht mehr verlassen.

Am Grab des „Spatzen von Paris“

Mein nächster Halt ist das Grab der berühmten Chansonnière Edith Piaf. Auch hier liegen zahlreiche Blumensträuße. Insgesamt wirkt die Ruhestätte des „Spatz von Paris“ jedoch weitaus ordentlicher, als die von Mr. Morisson. Ihre Fans scheinen etwas gesitteter mit dem Grab ihrer Heldin umzugehen. Am Rand entdecke ich dann doch noch eine leere Flasche Rotwein. Eigentlich passend - das Leben der Piaf war kein bisschen weniger dramatisch und von Exzessen geprägt, als das der Doors Ikone.

A kiss may ruin your grave

Als ich kurz darauf die Grabstätte Oscar Wildes erreiche, kann ich mir das Grinsen nicht verkneifen. Unzählige Lippenstiftabdrücke zieren den Grabstein. Der Dichter, berühmt für seine Ironie und seinen Wortwitz, hätte sicher seinen Spaß an diesem Anblick gehabt. Eines seiner Zitate lautet: „A kiss may ruin a human life“. Ob er damit gerechnet hätte, dass ein Kuss nicht nur ein Leben, sondern auch ein Grab zerstören kann? Klingt absurd, doch es stimmt, wie ich kurz darauf aus meiner Broschüre erfahren muss. Das Fett der Lippenstifte greift mittlerweile den Stein an. Davon eher unbeeindruckt, aber in Anbetracht der Schweinegrippe, verzichte ich darauf, einen Knutschfleck auf Wildes Grab zu hinterlassen und setze meinen Weg auf dem Friedhof fort.

Wie das Grab, so das Leben?

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So wie man meint, Oscar Wildes Präsenz förmlich spüren zu können, wenn man an seinem Grab steht, so unwirklich und fern scheint Maria Callas, wenn man ihr symbolisches Urnengrab erreicht. Der Wunsch der weltberühmten Sopranistin war es, eingeäschert zu werden. Ihre Asche wurde vor der griechischen Küste verstreut. Zuvor wurde auf dem Pariser Friedhof zwei Jahre lang ihre Urne aufbewahrt. Auch hier passen wieder Person und Grab seltsam zusammen. Der Mythos Callas ist bis heute ungebrochen – doch die physische Präsenz der Diva scheint ausgelöscht, es existiert nicht einmal mehr ihr Geburtshaus. Die große Callas litt ihr ganzes Leben an Minderwertigkeitskomplexen und Ess-Störungen. Sie war stets scheu, starb mit 53 Jahren einsam und zurückgezogen an einem Herzinfarkt. Eine schlichte weiße Gedenktafel mit Goldinschrift und einer Rose markiert den Platz, an dem ihre Asche aufbewahrt worden war.

Auf meinem Weg hinaus passiere ich noch die Gräber von Honoré de Balzac und Georges Bizet. An allen Gräbern findet man frische Blumen. Die Faszination dieser berühmten Persönlichkeiten dauert an – bis heute, auch wenn sie schon lange von uns gegangen sind.
Ich verstehe nun irgendwie, was Friedhöfe so besonders macht, wieso Menschen sie bewusst besuchen und gern auf ihnen verweilen -  sie strahlen Ruhe aus, Schönheit und … Erhabenheit. Die Gräber all dieser Menschen belegen ihre Unsterblichkeit. Sie mögen tot sein, aber sie sind noch bei uns, wenn wir uns an sie erinnern. Und das tut man auf einem Friedhof. Und nicht nur das. Ich kenne die Melodien aus Bizets Oper Carmen. Aber ich habe sie noch nie wirklich bewusst gehört. Ich denke an Georges Bizets Grab und höre mir Carmen an. Zum Sterben schön…

Weitere berühmte Friedhöfe

Wer nun Lust bekommen hat, auch einmal Friedhöfe als touristische Attraktion zu besuchen, sollte sich neben Père Lachaise drei weitere berühmte letzte Ruhestätten auf die Liste setzen.
Ebenso starker Besuchermagnet ist der Wiener Zentralfriedhof. Er ist mit einer Fläche von fast 2,5 km² die zweitgrößte Friedhofsanlage Europas und beherbergt die Gräber berühmter Persönlichkeiten wie Falco, Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms.

Der Friedhof im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf ist mit 391 ha der zweitgrößte Friedhof der Welt. Bis heute ruhen hier ruhen 280.000 Seelen. Optisch besticht die Mischung verschiedener Grabstile, wie z.B. Schmetterlingsgräber, Kolumbarien und Paar-Gräber. Zahlreiche Touristen strömen jährlich zu den Gedenkstätten von deutschen Berühmtheiten wie Hans Albers, Gustaf Gründgens, Heinz Erhardt und Inge Meisel.

Auf dem Arlington National Cemetery liegt John F- Kennedy begraben. Das allein macht ihn zu einer der Attraktionen des US- Bundesstaates Virginia. Er ist der zweitgrößte Friedhof der USA und wer hier beerdigt werden darf, unterliegt strengen Kriterien. Die Anlage besticht durch seine Schlichtheit und Weitläufigkeit. Das Meer von weißen Grabsteinen gedenkt den im Krieg Gefallenen und ist in Regimenten angeordnet.


Weitergehende Informationen zu den erwähnten Friedhöfen sowie Öffnungszeiten finden Sie hier:

Père Lachaise (unter anderem mit virtueller Friedhofstour)
Wiener Zentralfriedhof (Basisinformationen und viele detaillierte Karten für alle Bereiche des Friedhofs)
Friedhof Hamburg Ohlsdorf (Chronik und einige schöne Routen für Spaziergänge)
Arlington National Cemetery (Wissenswertes und eine regelmäßig aktualisierte Foto-Galerie)



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