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Reise Tipps & Service

Die Angst fliegt mit - zu Gast beim Flugangst-Seminar

Herzklopfen, Magengrummeln, feuchte Hände. Die Triebwerke heulen auf, ich werde in den Sitz gepresst, binnen weniger Sekunden beschleunigt der Airbus A319 auf eine Geschwindigkeit von 270 km/h und schwingt sich schließlich in die Luft. Während andere Passagiere in ihrer Zeitung blättern, versuche ich mich an die tags zuvor gelernte Atemtechnik zur Entspannung zu erinnern.

Dabei bin ich früher immer gerne geflogen: Sydney, Hongkong, New York, Toronto, Rom oder Stockholm sind nur einige Städte aus meiner Reise-Historie. Aber seit vor ein paar Jahren auf einem Transatlantik-Flug stärkere Turbulenzen auftraten, wurde mir fortan immer ein wenig unwohl beim Gedanken an das Fliegen. Das besserte sich auch auf den nächsten Flügen nicht, schließlich bemerkte ich bei mir selbst, wie ich versuchte dem Fliegen auszuweichen und andere Verkehrsmittel vorzuziehen.

Aber hat man mit Mitte Dreißig die Welt gesehen? Will ich meinen persönlichen Aktions- und Erfahrungs-Radius auf dreistellige Kilometerzahlen beschränken? Gibt es nicht doch eine Möglichkeit, wieder entspannt zu fliegen?

Endlich etwas ändern

Das Internet als erste Informationsquelle hilft. Und siehe da, zahlreiche Ratgeber, Foren oder Bücher sind zu finden, sogar Seminare gibt es. Eine Agentur bietet diese in Zusammenarbeit mit der Lufthansa an, ein volles Wochenende lang Programm mit einem Psychologen und gemeinsamem Abschlussflug, das klingt doch sinnvoll.

Einige Wochen später finde ich mich im Seminarraum eines Flughafenhotels wieder, gemeinsam mit weiteren sieben „Betroffenen“, wie wir uns nennen. Der Seminarleiter Sascha Thomas ist Diplom-Psychologe und außerdem mehrere Tage im Monat als Flugbegleiter für Lufthansa unterwegs. Seit dem Jahr 2000 hat er als einer von etwa 10 Psychologen selbst bereits mehrere Hundert Teilnehmer in den „Seminaren zum entspannten Fliegen“ betreut.

„Jeder Dritte Passagier hat mit Flugangst zu tun, auch wenn man es demjenigen nicht unbedingt ansieht“ sagt er. „Im Schnitt brauchen die Leute jedoch zehn Jahre, bis sie sich ihrer Angst stellen und zu uns kommen“.

Mit Wissen gegen die Flugangst

Die Ängste der Teilnehmer sind ganz verschieden: Turbulenzen, unerklärliche Geräusche, Absturz, Kontrollverlust, Enge... „Es gilt, aus negativen Gedankenmustern auszubrechen und durch realistische Gedanken und Erfahrungen eine bestimmte Situation anschließend neu zu bewerten“ erklärt Sascha Thomas. Dazu gehört erst einmal Wissen über das Fliegen selbst, von der Technik bis hin zur Ausbildung der Piloten. Und wer könnte das besser vermitteln als jemand, der über 36 Jahre lang Flugkapitän bei der Lufthansa war, zuletzt auf einem Airbus A340.

Werner Fuchs lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Von der physikalischen Formel zum Auftrieb eines Flügels über die mehrfache Absicherung aller Systeme des Flugzeugs bis hin zu typischen Geräuschen während eines Fluges beantwortet er geduldig alle Fragen. Nach dem Mittagessen führt er unsere Gruppe noch auf das Rollfeld zu einer geparkten Boeing, hier gibt es die Triebwerke, die Räder und das Cockpit im wahrsten Sinne des Wortes „zum Anfassen“.

Was kann ich tun gegen Flugangst?

Aber nicht nur das Wissen um die technischen Vorgänge beim Fliegen wirkt auf die Seminarrunde beruhigend. Man kann auch selbst aktiv etwas tun gegen die Angst vor dem Fliegen, uns so weiht uns Psychologe Sascha Thomas in die Kunst des richtigen Atmens und der Muskelentspannung ein. Beide Übungen werden von uns während der beiden Seminartage mehrmals gemeinsam wiederholt und sind auch dafür geeignet, dass die Teilnehmer sie später vor oder während eines Fluges zur Entspannung durchführen.

Konfrontation statt Vermeidung

Am Abend des ersten Seminartages sind viele der Teilnehmer, nicht zuletzt auch durch die entstandene Gruppendynamik, geradezu euphorisch. Konnten einige zuvor tagelang nicht schlafen, wenn ein Flug bevorstand, empfindet manch einer jetzt sogar Freude auf den am nächsten Tag anstehenden gemeinsamen Flug nach München.

Am nächsten Morgen sieht es zwar schon wieder etwas ernüchternder aus, aber alle Teilnehmer stellen sich ihrer Angst und fliegen mit. „Das ist längst nicht immer so“ erklärt Sascha Thomas, „meist gibt es wenigstens einen Teilnehmer aus der Runde, der am zweiten Tag nicht mehr mitfliegt.“

Zugegeben: Wir erleben einen eher ruhigen, unspektakulären Flug. Aber für den Einstieg ist dies vielleicht auch nicht verkehrt. Unterwegs versuchen alle, sich an die gelernten Entspannungstechniken und das richtige Atmen zu erinnern, und es scheint zu wirken: Niemand krallt sich an seinem Sitz fest oder reagiert panisch. Manche trauen sich, was sie zuvor nie getan haben: Sie stehen nach Erreichen der Reiseflughöhe auf und laufen im Gang umher.

Trotzdem: Die Angst verfliegt natürlich nicht plötzlich, einen etwas schnelleren Herzschlag stelle ich bei mir ebenso noch fest wie bei meinem Nachbarn ein leichtes Zusammenzucken, als das Flugzeug mit leichtem Schütteln durch die Wolkendecke hindurch zum Landeanflug ansetzt.

Der nächste Flug alleine

„Wenn Sie unser Seminar besuchen und anschließend zwei Jahre lang nicht fliegen, bringt das gar nichts. Nur wenn Sie sich Ihrer Angst stellen, sie überwinden und weiter fliegen statt dies zu vermeiden, können Sie die Flugangst dauerhaft bewältigen“ klingen die einleuchtenden Worte des Psychologen noch in meinem Ohr, als ich zwei Wochen nach dem Seminar mit einer Maschine nach London abhebe. Ja, es gibt Maßnahmen gegen Flugangst, und sie helfen. Ich habe gut geschlafen und habe zwar immer noch ein wenig feuchte Hände und Herzklopfen, aber ich denke schon daran, den nächsten Flug zu buchen. Vielleicht nach New York?

Weiterführende Links:

Flugreisen: Abheben ohne Angst

Hilfe bei Flugangst: Alle Informationen zu Flugangst und Flugangst-Seminaren - Flugangst.de

Weitere praktische Tipps gegen Flugangst


Bücher:

Angstfrei fliegen: Das erprobte Setp-by-Step-Programm

Angstfrei fliegen: Mit Strategien für jede Phase des Fluges - (Audio CD)

Nie mehr Flugangst: Ein Selbsthilfeprogramm in 6 Schritten



Alle Angaben ohne Gewähr