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Der Schwarzwald vor 100 Jahren

Am Ende des 19. Jahrhunderts waren elektrisches Licht, Telefone und Aufzüge in Hotels noch erwähnenswert und Stallungen an den Häusern obligatorisch. Urlaub war freilich nur etwas für Gutsituierte. Von wegen Internet, Fernsehen oder Trendsportarten - vor 100 Jahren steckte der Schwarzwald-Tourismus noch in den Kinderschuhen.

Wer in alten Reiseführern aus der Zeit an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert blättert, findet dort ganz andere Errungenschaften, mit denen ausdrücklich geworben wurde: etwa "elektrisches Licht in allen Zimmern". Oder dem - längst noch nicht selbstverständlichen - Telefon- oder Telegrafenanschluss. Oder - wie das Hotel Englischer Hof in Baden-Baden - mit einem "hydraulischen Aufzug neuester und sicherster Construction". Heute schmunzelt man über die alten Werbeanzeigen, doch 1893, als Caesar Schmidt seine "Ilustrirten Wanderbücher" über den Schwarzwald mit vielen Werbeanzeigen herausgab, war vieles noch längst nicht selbstverständlich. So wie überhaupt der Tourismus noch in den Kinderschuhen steckte und erst laufen lernen musste.

Luxus hatte (schon damals) seinen Preis

Urlaub - für das Gros der Bevölkerung war das ein Fremdwort; nur die Reichen konnten es sich leisten, andernorts auszuspannen. Immerhin: Im Schwarzwald hatte man schon früh gelernt, die Gäste zu umwerben und ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Freilich alles gegen - angemessene - Bezahlung. Motorisierte Taxis gab es noch nicht - wer in Freiburg standesgemäß vom und zum Bahnhof (und nicht laufen) wollte, orderte eine Droschke. Die Tarife für die Kutschfahrten: Eine Person musste 50 Pfennig bezahlen, zwei Personen 90 Pfennig, drei Personen 1,20 Mark und vier Personen gar 1,50 Mark - viel Geld vor der Jahrhundertwende. Für jedes weitere große Gepäckstück wurden außerdem 20 Pfennig fällig. Auch Dienstmänner nahmen den Gutbetuchten vieles ab. Der Freiburger Tarif vor 110 Jahren: 20 Pfennig für einen einzelnen Gang.

Nicht ohne meinen Fremdenführer

Fremde, die sich die Stadt zeigen lassen wollten, mussten für den viertelstündigen Service eines Führers 30 Pfennig, für eine halbe Stunde 50 Pfennig und für eine ganze Stunde 80 Pfennig berappen. Ganze 43.000 Einwohner zählte Freiburg übrigens seinerzeit (heute sind es fünfmal so viele). Immerhin: Öffentliche Fernsprecher gab es bereits im Hauptpostamt und im Postamt in der Wiehre. Genau wie heute galt für Touristen 1893 das Münster als die größte "Merkwürdigkeit" der Stadt. Das Innere wird als "vorzüglich restaurirt" beschrieben. Wer auf den Münsterturm wollte, musste 20 Pfennig Eintritt bezahlen. Doch dazu kam noch das Trinkgeld zum festen Tarif: 40 Pfennig.

"Sehenswerthe" Sehenswürdigkeiten

Das Siegesdenkmal priesen die Fremdenführer zur Kaiserzeit als "sehenswerth". Als besonders bemerkenswert galt, dass für das Denkmal "260 Centner französisches Kanonenmetall von eroberten Geschützen" verwendet wurden. Und was man heute vor Urlaubern eher gerne versteckt, galt vor dem Ersten Weltkrieg durchaus noch als sehenswerte Attraktion: die neue "Centralstrafanstalt".

Neben den Gebäuden wurde aber immer wieder die landschaftliche Lage hervorgehoben: "Überall umgiebt den Wanderer würzige, ozonreiche Luft, welche die Lungen stärkt, den Appetit anregt und das Blut schneller fließend macht." In das Umland konnte man schon damals mit der Straßenbahn fahren, die zu dieser Zeit allerdings noch "Tramway" genannt wurde.

Stille Idylle

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Dass damals schon die Ruhe ein geschätzter Werbefaktor war, geht aus dem Hinweis "ohne die geringste Belästigung durch den Verkehr" des Hotels Sommer zum Zähringer Hof in Freiburg hervor. Das Hotel Hauer zum Freiburger Hof machte indessen mit anderen Vorzügen auf sich aufmerksam: "geräumige schöne Stallung". "Moderirte Preise" pries zur gleichen Zeit M. Trescher für sein Hotel Trescher zum Pfauen an, das nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt und durch seine Schwarzwaldhalle bekannt war.

Preispolitik im vergangenen Jahrhundert

Ein Blick auf die Hotelpreise vor 110 Jahren: Das Hotel Victoria - noch heute eines der besseren Freiburger Häuser - bot Pension mit Zimmer im Winter für sechs Mark an. Im Sommer wurde es zwei Mark teurer. Gänzlich anders als heute war auch die Werbesprache 1893: Der Gasthof Zum Geist pries etwa seine "billige und gute Bedienung" an. Ob dicke Rauchschwaden damals schon andere Gäste störten? Das Hotel Bellevue in Triberg warb jedenfalls ausdrücklich mit dem separaten Rauchzimmer. Eine andere Errungenschaft, auf die man seinerzeit recht stolz war, sucht man heute wohl überall vergebens: den "Turn- und Croquetplatz". Dessen Rolle haben heute die Fitnessräume eingenommen, und wenn das benachbarte Schwarzwald-Hotel in Triberg hervorhob, dass ein "Omnibus bei jedem Zuge" anwesend sei, war seinerzeit selbstverständlich nicht der öffentliche Nahverkehr, sondern eine Kutsche gemeint.

"Sommerhauptstadt Europas"

Als "Sommerhauptstadt Europas" hatte Baden-Baden vor dem Ersten Weltkrieg einen glänzenden Ruf im Hochadel: Kaiser, Zaren, Könige, Fürsten - alle gaben sich an der Kurstadt an der Oos im Nordschwarzwald ein Stelldichein. Wie keine andere Stadt dieser Größe verfügte Baden-Baden über eine standesgemäße Hotelstruktur. Natürlich setzten sich die Häuser auch mit ihren illustren Gästen in Szene. Etwa das Hotel Messmer, das in seiner Werbung 1893 ausdrücklich darauf hinwies: "Ihre Majestäten, weiland der Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta weilten allsommerlich monatelang hier." Übrigens: die Zimmerpreise starteten bei drei Mark. Noch einen Vorzug hatte dieses Hotel: "Die Concerte der Kurkapelle hört man vom Balkon des Hauses, ohne einen Schritt deshalb thun zu müssen und blickt dabei noch in das glänzende Gewoge vom erhöhten Standpunkte." Die Lichtenthaler Allee in Baden-Baden galt schon damals als "Sammelpunkt der vornehmen Welt" mit dem weit und breit einmaligen Lawn-Tennis-Platz.

Kurort Baden-Baden

Erwähnenswert war dem Reiseführer freilich auch der "historische Baum" - der, "bei welchem 1861 das Attentat auf König Wilhelm verübt wurde." Der Kurgedanke spielte schon in den Kindertagen des Tourismus in Baden-Baden eine große Rolle - so verwundert es nicht, dass zahlreiche Hotels, etwa der Darmstädter Hof, Bäder im Haus anboten. So unterschiedlich wie die Wannen - Marmor, Eisen, Porzellan, Stein, Holz - waren auch die Preise für die Dienstleistungen: von 30 Pfennig bis zu zwei Mark. Ein Vermögen. Wohl niemand käme heute mehr auf die Idee, eine Niederdruck-Dampfheizung besonders hervorzuheben, wie es das Freiburger Hotel Europäischer Hof kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert tat.
 
Zimmer mit Aussicht

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Einige Dinge haben sich in der Hotellerie aber bis zum heutigen Tag nicht geändert – etwa die Hinweise auf komfortable Zimmer, prima Aussicht, eine wunderbare Umgebung und die gute Küche. Kurios ist es für heutige Leser indessen, dass das Schwarzwald-Hotel in Titisee 1899 bemerkte: "Für die Unterhaltung der Jugend ist nebenan durch Aufstellung einer Schaukel, eine Kegel- und Wurfspieles gesorgt." Doch wer weiß, worüber man 2109 lacht, wenn man 100 Jahre alte Hotelanzeigen studiert? WLAN, Internet, Fernsehen, Fitnessraum? Hahaha. Wie kurios.

Text: Joachim Sterz /sterz-media

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