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Länder

Schwarzer Humor, High Tech und jede Menge Störche


© Lettland

Ein Land der Gegensätze: Auf der einen Seite unberührte Natur und auf der anderen High Tech und Internet: Lettland fasziniert als eines der spannendsten Urlaubsländer Europas. Oder haben Sie schon mal etwas von Groß Niekratzen gehört? Oder vielleicht von Allschwangen? Oder von Hasenpoth?

Wohl kaum, denn auf lettisch heißen die Orte heute Nikrace, Alsunga und Aizpute. Doch dass für fast jede Siedlung auch noch - alte - deutsche Namen existieren, weist auf die baltische Siedlungsgeschichte hin: Nach der Expansion des Deutschen Ordens kamen seit dem 13. Jahrhundert deutsche Einwanderer nach Livland. Jahrhunderte lang nahmen die Deutschen maßgeblich Einfluss auf die Geschicke des Landes. Heute wird das durchaus wieder positiv bewertet: "Was uns die Deutschen in 700 Jahren an Kultur gebracht haben, hat die Sowjetmacht in nur 50 Jahren kaputt gemacht", meint verschmitzt und anklagend Fremdenführerin Via in der Hauptstadt Riga. Die Letten sind auch heute nicht gerade gut auf die russischen Okkupationskräfte zu sprechen. Kein Wunder, dass das Leben in Riga pulsiert - und so sucht man heute im Stadtbild kyrillische Schriftzeichen aus der Sowjetzeit vergebens.

Westliche Umorientierung

In atemberaubendem Tempo hat sich das Land nach Westen umorientiert. "Das ist gut so", sagt Dace Markvarte, die umtriebige Direktorin des Campingplatzes Nemo in Jurmala. Man muss sich nur an die Straße von Riga zu dem noblen Seebad stellen und erhält schnell den Beweis: Die Porsche-, BMW und Mercedes-Dichte ist hier mindestens so hoch wie in Baden-Baden oder Düsseldorf. Und im Umfeld siedelt sich ein High-Tech-Unternehmen nach dem anderen an. Die vielen Verkehrszeichen mit dem @-Signet signalisieren obendrein, dass überall in Lettland längst öffentliche Hot-Spots für drahtlosen Internet-Empfang eingerichtet sind. Nicht nur in dieser Hinsicht lässt der EU-Neuling viele mitteleuropäische Länder sehr alt aussehen.

Am Puls der Zeit

Kein Wunder, dass das Leben in Riga pulsiert und die 800.000-Einwohner-Stadt inzwischen zu den spannendsten Hauptstädten Europas zählt. Das Nachtleben pulsiert - und zwar nicht nur in so schrägen Lokalen wie dem "Austrumu Robeza" ("Ostgrenze"), das mit Maschinengewehren und Büsten von Lenin, Mao, Hitler und Putin "geschmückt" ist. Wer es lieber etwas bürgerlicher mag: Das "Lido" am Daugava-Ufer ist ein riesiger Freizeitkomplex mit mehreren ausgezeichneten Lokalen und Vergnügungsmöglichkeiten. Die günstigen Bierpreise haben sich längst bis nach Mitteleuropa herumgesprochen. Und so ist Riga - leider - mittlerweile ein bevorzugtes Ziel von Sauftouristen aus England, Frankreich und Deutschland geworden. Günstige Angebote der Billigflieger fördern diese Urlaubsform noch. Verständigungsprobleme gibt es kaum - die jüngeren Letten sprechen fast ausnahmslos Englisch.

Auf Mittelalters Spuren

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© Lettland

Wirklich originell ist hingegen die Einkehr im "Rozengrals": Hier werden mittelalterliche Gerichte serviert - ganz ohne Kartoffeln, denn die waren seinerzeit noch nicht eingeführt. Da auch die Bedienungen in historischen Gewändern auftreten, ist es quasi eine lukullische Zeitreise. Nur wenige Meter von diesem Lokal entfernt präsentiert sich am Marktplatz von Riga das wunderschön wiederaufgebaute Schwarzhäupterhaus übrigens mit der historischen deutschen Inschrift. Auch wer ein Faible für die verspielte Jugendstil-Architektur hat, sollte sich die lettische Hauptstadt unbedingt vormerken: Eines der bedeutendsten Bauensembles der Epoche prägt einen ganzen Stadtteil.

Traditionelle Freigeister

Und schließlich ist da noch eine Spitze gegen die ehemaligen Besatzer: Das Okkupationsmuseum von Riga - von den Sowjets einst errichtet, um die Gräuel unter dem Nazi-Regime zu dokumentieren - beschäftigt sich nun vor allem mit der Unterdrückung aus Moskau. Die klare Botschaft: Lettland hat jede Fremdbestimmung satt.

Wer im Winter kommt, sieht den Rathausplatz von Riga mit einem riesigen und prächtig illuminierten Weihnachtsbaum geschmückt. Kein Wunder: Diese Tradition wurde hier begründet. 1510 sollen Kaufleute zum ersten Mal eine Tanne an Weinachten mit Blumen geschmückt haben. Unbedingt sehenswert ist auch das riesige Freilichtmuseum vor den Toren Rigas, in dem traditionsreiche Gebäude aus allen Teilen Lettlands zusammengetragen und in passender Umgebung wieder aufgebaut wurden. Ganz große und ganz kleine.

Doch nicht nur hier macht es Spaß, das traditionelle Lettland zu entdecken: etwa die wunderschöne Ostseeküste mit ihren breiten, feinsandigen Stränden, an denen es einem - fest versprochen -auch zu Ferienzeiten nie zu eng wird. Besonders faszinierend ist der Abschnitt bei Jurkalne, wo sich bis zu 30 Meter hohe Abbrüche an der Küstenlinie auftun. Freundliche Gaststätten haben sich schon längst auf westliche Individualurlauber eingestellt: Gästebetten werden gegen kleine Preise vorgehalten. Man kann sicher sein: An den schönsten Orten Lettlands gibt es auch Hotel und Gasthäuser. Freilich: die Ausstattung und der Komfort variieren noch sehr.

Wer auf die Idee kommt, im Sommer alle Störche am Weg zu zählen, wird bestimmt schnell aufgeben - es sind einfach zu viele. Die majestätischen Vögel mit den langen Schnäbeln fühlen sich auf den unberührten Feldern sichtlich wohl.

Filmreife Kulisse

Im Hinterland überrascht Lettland mit zahlreichen beschaulichen Landstädtchen. Vielen Fernsehzuschauern in Deutschland wird es kaum bewusst sein, dass es die lettische Stadt Kuldiga war, die 2008 in der Neuverfilmung des Antikriegsfilms "Die Brücke" als Kulisse diente. Viel musste man nicht verändern, denn im ehemaligen deutschen Goldingen gibt es noch wunderbar erhaltene Winkel, in denen man sich leicht in die Vergangenheit zurückversetzen kann. Im Film ist übrigens auch eines der größten Naturwunder Lettlands zu sehen: der 240 Meter breite Wasserfall des Flusses Venta, die breiteste Kaskade in Europa. Von der Kante stürzen sich badende Kinder im Sommer gerne ins angenehm kühlende Nass. In der evangelischen Kirche erinnert eine große Tafel in deutscher Sprache noch daran, wie 1801 der Übergang vom 18. Zum 19. Jahrhundert gefeiert wurde: Mit Gottesdiensten, Umzügen und Musik. Und mit einer Bilanz: "Dass schwerlich 100 Jahre in der Geschichte aufzufinden wären, die so dunkel und undurchdringlich für die in demselben lebenden Menschen gewesen und keine die Menschen in Rücksicht ihrer Schicksale so in Ungewissheit gehalten hätten, als die Jahre des 18. Jahrhunderts." Wenn der Schreiber geahnt hätte, welche dramatischen Wellen im 19. Und 20. Jahrhundert noch über Goldingen und ganz Lettland fegen sollten…

Boomtown Ventspils

Nicht weit weg von Kuldiga präsentiert sich Ventspils (ehemals Windau) als prosperierende Boomtown. Die kleine, aber feine Altstadt ist prächtig herausgeputzt; und im Hafen herrscht reger Schiffsverkehr. Originell sind die wundersamen Kühe, die Künstler aus unterschiedlichen Materialien und Größen in Ventspils hinterlassen haben.
Natürlich bietet sich Ventspils als Ausgangsort für eine Fahrt zum 80 Kilometer entfernten Kap Kolkaan, wo die Rigaer Bucht und die offene Ostsee aufeinanderstoßen. Aber das ist nur eine Route für Wagemutige und Hartgesottene: Mehr als 50 Kilometer präsentiert sich die Überlandstraße als bucklige Staubpiste, die dem Auto (uns auch den Insassen) alles abverlangt. Einfacher ist da schon die Anreise von Riga her. Lohnend ist der Abstecher in jedem Fall - kann man doch dort eine Begegnung mit der kleinsten Ethnie Europas machen, mit den Liven. In nur noch wenigen Siedlungen sind sie zu Hause. Und es soll gerade mal noch zwei Dutzend Menschen geben, die die traditionelle livische Sprache (sie ist verwandt mit dem Finnischen, Estnischen und Samischen) beherrschen.

Münchhausens Heimat

Bei einem Lettland-Besuch sollte keinesfalls der Besuch in Cesis oder Sigulda fehlen. In Cesis lädt eine riesige mittelalterliche Burgruine zum erkunden ein. Beide Städtchen grenzen an den Nationalpark Gauja. Eine Kanufahrt auf dem gleichnamigen Fluss sollte man nicht versäumen. Die Region um Sigulda ist übrigens so gebirgig, dass dort Rodel- und Bobweltmeisterschaften veranstaltet wurden. Das glauben Sie nicht? Dann sind Sie geradezu prädestiniert, auf den Spuren des (Lügen-)Barons von Münchhausen zu wandeln. Der lebte jahrelang nördlich von Riga und wurde bei seinen Werken garantiert vom berühmten schwarzen Humor des Baltikums inspiriert.

 

(Quelle: TRAVEL-REPORTAGE.COM / Joachim Sterz)


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