Suche
Absenden Suche
Seite drucken

Regionen

Sylt - Mythos oder Seifenblase?

Sylt ist Legende. Mythos. Seit Jahrzehnten genießt die größte nordfriesische Insel ihren Ruf als deutsches Promi-Mekka, als "Place To Be" für die Reichen und Schönen des Landes. Nicht zuletzt deswegen ist Sylt auch einer der beliebtesten Urlaubsorte der Deutschen im eigenen Land. Aber was ist wirklich dran am Kult um die Insel Sylt?

Sylt erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins und ist berühmt berüchtigt für den rund 40 Kilometer langen Weststrand, sowie für seine Kurorte Kampen, Wenningstedt und natürlich: Westerland. Im Jahre 1988 wurde der Ferienort von der Band 'Die Ärzte' in ihrer gleichnamigen Hymne verewigt: "Oh, ich hab solche Sehnsucht / Ich verlier den Verstand / Ich will wieder an die Nordsee / Ich will zurück nach Westerland"

Liberales Paradies am Meer

Doch die Entwicklung der "Königin der Nordsee", wie man sie heute kennt, liegt viel weiter zurück: Der Aufstieg Sylts beginnt in den 30er Jahren, als die Insel Refugium für Kritiker des Naziregimes wird. Diese liberale Einstellung wird seitdem mit Sylt assoziiert: Entsprechend zog es auch schon sehr früh Prominente, damals vermehrt Künstler, Literaten und Intellektuelle wie Max Frisch und Carl Zuckmayer, nach Sylt.

In den 50er und 60er Jahren zogen sich die Intellektuellen zurück und Sylt, vor allem Wenningstedt, etablierte sich als beliebter Promi-Treffpunkt - angeführt von Gunter Sachs, dem deutschen Playboy, sowie einigen anderen berüchtigten teutonischen Berühmtheiten wie Verlags-Gigant Axel Springer oder Friedrich Karl Flick, deutsch-österreichischer Unternehmer und Milliardär. Noch heute ist 'Buhne 16', das legendäre Strandbistro am Kampener Strand, eine der Sylter Kultstätten schlechthin. Damals wurden hier ausschweifende Partys gefeiert und die deutsche Schickeria gab sich die Klinke in die Hand. Noch heute weiß dieser Ort mit seiner Mischung aus Beach-Flair, Dolce Vita und einer großen Portion Legendentum seine Gäste zu verzaubern.

Inselluft macht frei

In den 70ern erlebte dann FKK seinen Durchbruch auf Sylt - propagiert durch beispielsweise Beate Use und Oswald Kolle. Sich nackt in der Sonne zu aalen war plötzlich voll im Trend.  Und der scheint nicht nachzulassen - jeder Ort auf Sylt hat mindestens einen Strand bzw. Strandabschnitt, an dem jeder sich präsentieren darf, wie Gott ihn schuf. Seit den 60er Jahren gibt es am gesamten Weststrand ausgewiesene FKK-Strände, mit so klingenden Namen wie „Abessinien“, „Samoa“ oder „Sansibar“ (letzterer birgt zugleich die gleichnamige  In-Strandbar samt legendärem Weinkeller).

Hauptsache Sylt

SYL_Keitum.jpg

Liegt es vielleicht an dieser scheinbaren Liberalität, dem heimlichen Aushängeschild Sylts, dass sich die Insel nach wie vor großer Beliebtheit erfreut? Denn günstig ist der Urlaub, geschweige denn das Leben hier gewiss nicht. Eine unspektakuläre Doppelhaushälfte kostet hier gerne mal stolze 1,5 Millionen Euro - und findet begeisterte Abnehmer. Generell ist der Immobilienmarkt auf Sylt eher träge - und wenn denn mal jemand seine Luxusimmobilie loswerden will, dann wird sie ihm zu fast schon absurden Preisen aus den Händen gerissen. Sylt: The Place To Be.

Dasselbe gilt für Touristen: Sylts Übernachtungszahlen sind, im Gegensatz zu anderen Urlaubsorten, nicht rückläufig. Und die Promi-Insel macht scheinbar genügsam: Menschen, die daheim in einem schicken Einfamilienhaus wohnen, mieten ohne mit der Wimper zu zucken eine winzige Ferienhütte an - Hauptsache Sylt. Hauptsache ein Teil des großen, strahlenden Ganzen sein.

Man bleibt unter sich

Dass es viele Insider gibt, die sich hinter vorgehaltener Hand über Häkeldeckchen und die "draußen nur Kännchen"-Regel mokieren, die auf Sylt noch vielerorts ganz traditionsgemäß auf der Tagesordnung steht, wird da gerne verdrängt.

Sylt spießig? Kann es wirklich sein? Nun, es gibt durchaus zu denken, dass dem Strandspaziergänger beim schicken Flanieren alle 500 Meter ein neues Verbotsschild begegnet. Allein am beliebten Weststrand gibt es 300 davon. Und wehe dem, der seinen Hund an einem der speziell für die Vierbeiner reservieren Hundestrände ein Häufchen in die Dünen machen lässt…

Die Promis, die sich hier noch immer mit Begeisterung zum Feiern treffen, scheint all das wenig zu stören. Wie sangen die Ärzte noch gleich weiter? "Es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich." Und in der Tat, die deutschen Berühmtheiten sind unter sich. Selten bis nie lässt sich hier internationale Prominenz blicken. Dasselbe scheint für Touristen aus dem Ausland zu gelten…

Licht und Schatten

Nichtsdestotrotz ist Sylt von atemberaubender Schönheit. Die Naturlandschaft der Insel sucht ihresgleichen: Meer, Dünen, schneeweißer Sand - ein Traum von einem Küstenort, und das in deutschen Landen! Doch auch diese Natur hat ihre Schattenseiten: Immer wieder wird das Eiland von zerstörerischen Sturmfluten heimgesucht. Diese bleiben nicht ohne Folgen: Sylt schrumpft. Jedes Jahr reißt die Nordsee rund eine Million Kubikmeter Sand von den Stränden der Nordseeinsel Sylt. Vier Millionen Euro geben Bund, Land und EU jedes Jahr dafür aus, dem Landverlust Herr zu werden: Seit 1992 wurden rund sechs Millionen Kubikmeter Sand künstlich aufgespült, wodurch sich Sylt optisch kaum verändert hat. Doch wie lange können solche Maßnahmen im Angesicht des Klimawandels greifen? Von den Kosten ganz zu schweigen.

Hoffentlich noch lange, denn so zwiespältig Deutschlands Trauminsel daherkommen mag, so reizvoll ist sie auch. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Und obwohl man insgeheim ahnt, dass auch auf Sylts Stränden nicht alles Gold ist, was glänzt - so wenig möchte man die "Königin der Nordsee" missen.

Urlaub im Ferienhaus


Alle Angaben ohne Gewähr