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Themenreisen

Weltreise ohne Personalausweis


© travel-reportage

Von Kongo nach Kalifornien im Linienbus, mit dem Zug durch Amerika, per S-Bahn nach Neuseeland, im Pkw nach Ägypten, Grönland, Korsika, Kamerun oder Texas. Und das alles, ohne die Landesgrenzen zu passieren. Deutschland ist viel exotischer als man denkt – ausgefallene Ortsnamen beweisen das.

Mal eben von Kiel nach Kalifornien? Bitteschön. Dazu muss man am Hauptbahnhof nur in den Bus der Linie 201 einsteigen. In exakt 45 Minuten Fahrzeit bringt er die Gäste ans Ziel. Nach Kalifornien – einem Stadtteil von Schönberg an der Ostsee. Und als ob dieses Ziel noch nicht exotisch genug wäre: Unterwegs hält der Linienbus auch noch an der Haltestelle Kongo (Starkendorf). Und wer nach Brasilien will, ist auf der Linie 201 ebenfalls richtig – auch das ist ein Ortsteil von Schönberg.

Amerika ist überall

War es Fernweh, war es Reminiszenz an Abenteurer? Vielerorts in Deutschland gibt es Adressen, die man nicht gerade hier vermutet. Nicht einmal zu DDR-Zeiten schaute der Schalterbeamte im Chemnitzer Bahnhof verwundert auf, wenn dort jemand eine Fahrkarte nach Amerika verlangte. Er verkaufte sie vielmehr anstandslos. Denn Amerika liegt nicht weit entfernt an der Zwickauer Mulde und hatte eine eigene Bahnstation. Den ungewöhnlichen Namen bezog der zur Kleinstadt Penig gehörende Flecken aus der Tatsache, dass eine Kattundruckerei nur über den Fluss zu erreichen war. Dies erschien vielen einst so beschwerlich wie eine Tour nach Übersee, nach Amerika.

Eine ähnliche Geschichte liegt auch dem niedersächsischen Namensvetter Amerika bei Garrel im Kreis Cloppenburg zugrunde: Auch hier war die Anreise durch den Sumpf anstrengend – wie eine Reise nach Amerika eben. Aus der einstigen Not haben die norddeutschen Amerikaner längst eine Tugend gemacht und verkaufen nun Bescheinigungen, dass man in ihrem Amerika war – „ganz ohne Schiff oder Flugzeug“. Das Geschäftsmodell könnte man getrost auch anderen Bewohnern empfehlen. Denen von Texas beispielsweise. Siedlungen mit diesem Namen tauchen in Niedersachsen mindestens dreimal auf: bei Burgwedel, bei Hessisch Oldendorf und in Groß Oesingen. Ob dort das Cowboy- und Indianeraufkommen überdurchschnittlich ist, geht indes aus keiner Statistik hervor.

Doppeltes USA-Feeling kann auch der Landkreis Oder-Spree bieten, gibt es bei Storkow in der Mark doch sowohl Neu Boston als auch Philadelphia. Von Boston nach Philadelphia in einer viertel Stunde – so machen die Storkower garantiert jeden (Übersee-) Amerikaner sprachlos.

mehr Infos zu Amerika (Penig)     mehr Infos zu Amerika (Garrel)     mehr Infos zu Amerika (USA)

Mit der Straßenbahn nach Neuseeland

Wer stattdessen lieber Urlaubsgrüße an die neidischen Daheimgebliebenen aus Neuseeland schicken will, muss auch keinen 24-Stunden-Flug um die halbe Welt buchen. Es reicht vielmehr ein Tagesticket der Berliner S-Bahn. Mit der Linie S3 geht es dann zur Endstation nach Erkner. Von hier sind es nur noch ein paar Gehminuten bis zum Ortsteil Neuseeland. Der liegt zwar nicht in der südlichen Hemisphäre, dafür aber äußerst idyllisch am Dameritzsee im Grün- und Wassergürtel von Berlin, und er ist unter der Postleitzahl 15537 registriert.

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© travel-reportage

In Bescheidenheit übt sich indes angesichts von nur wenigen Einwohnern der Ortsteil Klein-Amerika von Wietzendorf am Rand der Lüneburger Heide. Wer von dort aber zu einem Südsee-Trip mit dem Fahrrad startet, muss durchaus nicht als größenwahnsinnig gelten, denn ein Badesee mit diesem einladenden Namen ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Weg von hier nach Übersee ist aber viel länger, denn das liegt in Oberbayern. Sogar nach Ägypten kann man das Navigationssystem programmieren und erhält gleich zwei Alternativvorschläge in der Nähe von Osnabrück. Aber Pyramiden sucht man in Ägypten bei Hopsten und bei Neuenkirchen vergebens. Viele Kühe sind dagegen in dieser ländlichen Umgebung keine Seltenheit. Der Rechtschreibreform des Herrn Duden haben sich hingegen die Bewohner von Egypten entzogen. Sie schreiben den Ortsteil von Oyten östlich von Bremen weiterhin konsequent mit „E“.

Mailand ohne Dom

Auch ansonsten müssen Italien-Fans das eigene Land nicht verlassen, wenn sie etwa nach Mailand wollen. Das liegt nämlich gleich bei Leutkirch im Allgäu und hat zwar eine nette Dorfkirche – aber keinen Dom. Wer in Nabburg an der Naab nach Venedig fragt, muss damit rechnen, dass man ihn kurzerhand in die nordöstliche Vorstadt mir diesem anmutigen Namen schickt. Von Crailsheim in die Türkei bedarf es auch keines Billigfliegers: Der Ortsteil mit diesem exotischen Namen (der von einem Arbeitslager vom Bahnbau im 19. Jahrhundert herrührt) liegt nämlich im Süden der baden-württembergischen Stadt.

Auch Orte im Heiligen Land wurden immer wieder für die Namensgebung in Deutschland herangezogen. Jerichow in Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Die christliche Tradition wird durch eine sehenswerte romanische Klosteranlage dokumentiert. Wer stattdessen Jerusalem vorzieht, hat gleich die dreifache Auswahl: in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und in Thüringen. Auch Bethlehem ist doppelt im Angebot – als Ortsteile von Pfullendorf oder von Lengenwang im Ostallgäu. Und sogar mit längst untergegangenen und sagenumwobenen Orten kann der Straßenatlas aufwarten. Die biblische Königsstadt Ninive liegt demzufolge nicht in Assyrien, sondern als Weiler bei Herrnhut im Kreis Görlitz in Deutschlands östlichstem Zipfel.

Einmal Paradies und zurück

Nicht immer müssen Orte mit großem Namen aber auch vermeintlich historische Wurzeln haben, wie Troja in Mecklenburg-Vorpommern beweist. Das Nest, ein Ortsteil von Lärz, leitet seinen Namen vielmehr aus der slawischen Bezeichnung für drei ab. Darf’s ein bisschen mehr sein? Gar das Paradies? Selbst das gibt es hierzulande mit richtiger Postadresse. Zum einen heißt ein ganzer Stadtteil in Konstanz so (weil die Schweiz so nah ist?), und zum anderen trägt ein Weiler bei Schonach im Schwarzwald den Namen. Wer es mehr mit irdischen Gütern hält, den wird es wohl eher nach Halbe Welt bei Velburg in der Oberpfalz ziehen. Doppelt so viel, nämlich die/das ganze Welt weist der Kreis Nordfriesland auf. Welt mit sage und schreibe sieben Straßen. Noch exotischer ist zweifelsohne die Adresse Halbmond – es ist eine Gemeinde in Ostfriesland. Den Vogel in Sachen Fernweh schossen aber zweifelsohne die Brandenburger ab, die einen Ortsteil von Kremmen Orion nannten. Da kommt man bei der Durchfahrt auf der B 273 ins Träumen von fernen Galaxien.

Fliegen – aber nicht zum Orion – kann man aber auch in Kleinkanada. Diese ehemalige (natürlich kanadische) Militärsiedlung liegt neben dem Flugplatz Baden Airpark bei Baden-Baden. Hier starten die Flugzeuge nun täglich nach Rom, nach England und nach Ägypten. Aber nicht zu den Zielen in Deutschland, sondern zu den „echten“.

Travel-Reportage / Joachim Sterz



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